Beitrag vom: 08.05.2014 15:30:15

Karl der Große und ich

"Karl der Große und ich"

 

(Mürlenbach) Klaus Tiepelmann hat 32 Jahre lang als Burgherr auf der Bertradaburg in Mürlenbach gelebt. Dem TV erzählt er nun, was ihn mit der Burg verbindet, woher der Name der Burg stammt und was Karl der Große damit zu tun hat.

Mürlenbach. "Als ich mit meiner Familie im September 1976 zum ersten Mal die Bertradaburg Mürlenbach besucht habe, wurde uns eine Geschichte erzählt: Karl der Große sei hier geboren worden. Selbstverständlich hielten wir das für ein lokales Märchen ohne historischen Hintergrund. Nachdem wir aber die Burg gekauft hatten und uns nun mit ihren historischen Wurzeln zu beschäftigten begannen, wurden wir immer häufiger mit dieser Aussage konfrontiert.

Dorf- Geschichte(n)


In vielen schriftlichen Beschreibungen der Burg wurde vermutet oder gar als Tatsache hingestellt, sie sei der Geburtsort Karls des Großen. Und kaum ein Besucher der Burg verzichtete auf die Frage: Wurde Karl wirklich hier geboren? Ich habe zunächst immer ausweichend geantwortet und darauf hingewiesen, dass ich in der wissenschaftlichen Literatur bisher noch keinen Beweis dafür gefunden hätte und dass es auch in anderen Regionen des Frankenreiches die Überlieferung gäbe, Karl der Große sei hier geboren. So zum Beispiel in Herstal bei Lüttich, in Aachen, in Paris, in Vargula an der Unstrut, in Ingelheim und in Gauting am Starnberger See. Ich bin dann der Sache nachgegangen und habe mich erkundigt, welche Gründe, Überlieferungen oder Quellen in den verschiedenen Orten genannt werden, um die örtliche Behauptung zu stützen. Zusammengefasst hat sich dann ein Bild ergeben. An diesen Orten wurden beispielsweise Schenkungen von Karl oder seinen Eltern gemacht. Außerdem haben Vorfahren Karls dort gelebt, Karl selbst stiftete ein Kloster und gründete die Kaiserpfalz.

Könige wandern durch die Pfalz


Im frühen Mittelalter wurde ja nicht von einem bestimmten Ort aus regiert, sondern es gab das Wanderkönigtum. Man zog von Pfalz zu Pfalz, schlichtete Streit, verhandelte mit den lokalen Fürsten und befahl ihnen Aufgaben. Wenn nötig mit Waffengewalt. So waren sowohl Karls Eltern, Pippin der Kleine und seine Frau Bertrada, wie später auch er selbst in seinem Land ständig unterwegs. Es ist also verständlich, wenn man überall Spuren seines Wirkens finden kann, an die spätere Überlieferungen anknüpfen konnten. Ein schönes Beispiel dafür ist die in Bayern überlieferte Legende, dass Karl in einer alten Reismühle bei Gauting geboren sei. Er wurde damit zu einem bayerischen Eingeborenen stilisiert, so dass das von Karl unterworfene Bayern eben nicht von einem Fremden, sondern einem Sohn des Landes regiert wurde. Die Legende, noch im frühen 19. Jahrhundert hervorgehoben und leidenschaftlich verteidigt, versöhnte bis in die Neuzeit die Bayern leichter mit ihrer Geschichte.

 

Bertrada die Ältere in Prüm


Der Geburtsort Mürlenbach wird dagegen anders begründet: die Burg trägt den Namen Bertrada, den Namen seiner Urgroßmutter, Bertrada die Ältere. Sie war - urkundlich belegbar - die erste Gründerin der Abtei Prüm (721) und war nach glaubwürdigen Quellen in Mürlenbach begütert. In der Mosel- und Eifelregion gab es also seit Generationen die ansässige Verwandtschaft Karls des Großen. Warum sollte nicht die junge Mutter Karls ihren erstgeborenen Sohn auf dem Hofgut ihrer Großmutter in Mürlenbach entbunden haben? Klingt doch plausibel! Spricht auch nichts dagegen!
1992, zum 1250. Geburtstag Karls des Großen, wollte ich deshalb auf der Bertradaburg diese Legende bestärken mit der Aufführung eines Theaterstücks. Die Textvorlage stammt aus Italien während des 13. Jahrhunderts: "Berta mit den großen Füßen". In dieser alten, italienischen Handschrift wird erzählt, dass Karl auf einer Burg geboren wurde, die irgendwo zwischen Mainz und Paris liegen sollte. Andere Orte wurden in der Quelle nicht genannt. Auch sonst passte die Geschichte wunderbar zu unserer Ortsüberlieferung. Wir konnten das Theaterstück 1998 noch einmal aufführen, weil inzwischen in der Mediävistik Karls Geburtsjahr auf 748 "verlegt" worden war. Also sechs Jahre später.

Münze bei Ausgrabung gefunden


Und noch ein Ereignis machte Mürlenbach als Geburtsort bekannt. In Ingelheim wurde im Jahre 1998 ein Karlsjahr ausgerufen. Karl hatte dort eine Kaiserpfalz begründet und war wiederholt dort gewesen. Eine goldene Münze aus seiner Zeit wurde bei den Ausgrabungen von Resten der Pfalz gefunden. Ein großer Festakt eröffnete das Ingelheimer Karlsjahr, und die Festrede hielt der damalige Finanzminister in Rheinland-Pfalz, Gernot Mittler (SPD). Ich hatte mir eine persönliche Einladung zu dieser Veranstaltung besorgt. Im Verlauf seiner historisch gut fundierten Rede sagte Mittler den 500 geladenen Gästen, dabei zum Oberbürgermeister Ingelheims (CDU) gewandt: ‚Ihre Behauptung, Ingelheim sei auch der Geburtsort Karls des Großen, müssen Sie leider zurücknehmen: Karl der Große wurde in Mürlenbach geboren!\' Ich saß im Saal und war wie elektrisiert. Offenbar gab es eine neue zuverlässige Quelle. Nach den Festreden gab es einen Empfang und ich pirschte mich an den umringten Minister heran, stellte mich vor als der Besitzer der Burg Mürlenbach und fragte ihn nach seiner Quelle. Da nahm er mich auf die Seite und flüsterte: ‚Das habe ich von Ihnen selbst: Sie haben bei der Kulturstiftung Rheinland-Pfalz einen Förderantrag für Ihr Theaterprojekt gestellt und ich habe als Vorsitzender Ihren Antrag gelesen und genehmigt.\'
Wenn mich danach die Besucher der Burg gefragt haben, ob es stimmt, dass Karl der Große in Mürlenbach geboren wurde, habe ich immer geantwortet: Von vielen Orten wird behauptet, der wahre Geburtsort zu sein. Aber Mürlenbach ist sicher der am besten begründete."


Von Klaus Tiepelmann

Winfried von Landenberg

Quelle: Trierischer Volksfreund