18.11.2017 11:02:10

Die Nähmaschine

Die Nähmaschine (Mein Julchen)

 

Von Gertrud Tintes

 

In meinem kleinen Stübchen, beim Fenster in der Eck,

da steht mein altes Julchen, die kommt mir nimmer weg.

Seit beinah 60 Jahren ist mir die Alte treu,

im Guten wie im Schweren, immer war sie dabei.

 

Ihr kennt noch nicht mein Julchen, ihr wißt nicht, wen ich mein´ -

meine alte Nähmaschine, wer könnt es anders sein.

Einst ein gar schmuckes Mädchen aus schwarzem Eichenholz,

versenkbar, Holzgestelle, ich war auf sie so stolz.

 

Ich näht auf ihr die Kleider in meiner Jugendzeit

und nähte später selber auf ihr mein Hochzeitskleid.

Hab Mann und Sohn und Enkeln die Hosen drauf gemacht

und alle die andern Sachen, die man sich nur erdacht.

 

Nicht manches Haus im Dorf ist, das gar nichts von ihr hat –

über 300 Decken, verteilt in Land und Stadt.

Und als ich dann so einsam, kein Lebenszweck, kein Ziel,

da nähte ich Nachthemden, erst war es nur ein Spiel.

 

Doch dann ging´s immer weiter, es wurden mehr und mehr,

weit über siebenhundert, mein Julchen konnt nicht mehr.

„Wenn einer von uns beiden, dann besser du als ich!“,

so sprach ich zu der Alten, ich war so wüterich.

 

Doch anderntags gereute mich dieses böse Wort,

mein Julchen stand so traurig an seinem alten Ort.

Da hab ich nachgesonnen, getüftelt Tag und Nacht

und hab sie schließlich wieder auf Vordermann gebracht.

 

Jetzt nähen still wir beide, wir stehen auf Du und Du;

getrost, mein liebes Julchen, bald haben wir beide Ruh!

 

 

Dieses Gedicht von meiner Tante Gertrud Tintes

wird hiermit erstmalig veröffentlicht.

Ich wünsche allen Lesern viel Freude daran!

 

Ernst Becker