24.11.2017 02:44:19

Wolfsfang

Wolfsfang in Mürlenbach

Ernst Becker

Im  Dezember 2008

 

Die Königlich Preußische Regierung zu Trier brachte im Januar 1837 die „im Laufe des Jahres 1836 eingefangenen und erlegten Wölfe und der dafür gezahlten Prämien zur öffentlichen Kenntniß“: Der Königl. Förster zu Mürlenbach, Knöpfel, erhielt für 5 Nestwölfe eine Prämie von 20 Thalern.

 

Diese kurze, amtlich-nüchterne Veröffentlichung, die wie aus einer anderen Zeit klingt, und doch - historisch gesehen - nicht sehr lange her ist, lädt dazu ein, das Thema näher zu betrachten.

 

Wölfe waren auf der nördlichen Halbkugel der Erde – in Europa, Asien, Nordamerika verbreitet. Erst im Mittelalter gerieten Mensch und Wolf in Mitteleuropa zunehmend in Konkurrenz, infolge der wachsenden Bevölkerung, einhergehend mit der Rodung weiter Waldgebiete. Große Wolfsjagden wurden abgehalten, um das Raubtier zu erlegen.

 

Bereits während der französischen Besatzung in der napoleonischen Zeit wurden Prämien für gefangene oder erlegte Wölfe gezahlt. Die nachfolgende preußische Regierung verordnete gezielte Jagden und lobte ebenfalls Prämien für erfolgreiche Wolfsjäger aus.

 

Seine Verfolgung über einen Zeitraum von tausend Jahren führte schließlich zur Ausrottung in unserem Gebiet. In der Eifel starb der letzte Wolf 1888 bei Auel, im Saarland 1891, im Elsaß 1911.

 

Die preußische Regierung gab als Prämie für einen Nestwolf 4 Thaler (alte Schreibweise), höhere Prämien gab es für Wolf, Wölfin, trächtige Wölfin. 1 Thaler hatte ein Silbergewicht von etwa einer halben Unze – also einen „Silberwert“ nach derzeitigem Kurs von etwa 4 Euro. Förster Knöpfel erhielt somit für die 5 Nestwölfe umgerechnet 80 Euro. Die seinerzeitige Kaufkraft ist schwer einzuschätzen, dürfte aber um ein Vielfaches höher anzusetzen sein. Eine Einschätzung ist kaum möglich, da die damaligen Verhältnisse sehr viel anders waren: Getreide und Vieh waren vergleichsweise billig, Metall (Eisen) dagegen teuer. Eine 5-köpfige Familie konnte mit 100 Thalern ein Jahr lang leben. Die 20 Thaler Prämie können demnach auf ein halbes bis ein ganzes Monatseinkommen des Försters geschätzt werden!

 

Ein Thaler (Thlr) entsprach 30 Silbergroschen (Sgr) oder 360 Pfenningen (Pf). Mit dem Münzgesetz von 1821 wurde unter König Friedrich Wilhelm III die preußische Währung vereinheitlicht. Zur Unterscheidung zum alten „Pfennig“ wurde die neue Münze als „Pfenning“ bezeichnet. 1 Thaler behielt mit 16,7 Gramm Silber sein altes Münzgewicht von 1 Vierzehntel „feine Mark“ 

(233,855 g).

Der Wolf wurde im Altertum verehrt und war in der  Mythologie einiger Völker von Bedeutung. Bei den Germanen hatte der Hauptgott Wotan (Odin, Wodan) zwei Wölfe als Begleiter: Geri und Freki („Gierig“ und „Gefräßig“).

 

In Märchen und Erzählungen spielt der „böse Wolf“ bis heute seine hinterlistige Rolle. In „Der Wolf und die sieben Geißlein“ lügt und täuscht er und frisst sechs Geißlein auf. In „Rotkäppchen“ ist er gar ein Menschenfresser. Die Redensart vom Wolf im Schafspelz steht für List und Täuschung. Aber „Meister Isegrim“ ist in Wahrheit scheu. Die meisten Geschichten von Übergriffen des Raubtieres Wolf auf  Menschen entspringen wohl der Fantasie und einer Lust am Fabulieren.

 

Heute ist das Rudeltier wieder in verschiedenen Gehegen vertreten, so nahe unseres Ortes: seit 1974 im Wolfsgehege Kasselburg bei Pelm.

 

 (Foto: Zeitz KG, Königssee)

 

Ob die folgende Fabel sich wohl zu Mürlenbach zugetragen hat?

Ein Hirte hielt nachts Wache bei den Schafen. Mitten in der Nacht rief er um Hilfe: „Der Wolf kommt, eilt zu Hilfe, der Wolf ist da!“. Die Bauern glaubten an eine Gefahr für die Schafherde und eilten herbei, bewaffnet mit Knüppeln, Gabeln und Dreschflegeln. Aber es war kein Wolf weit und breit, der Schafshirte lachte und freute sich über den gelungenen Spaß. In der folgenden Nacht gelang es dem Schafshirten ein zweites Mal, mit seinem Hilferuf die Bauern zu narren – wieder lachte er sich halbtot und die Bauern ärgerten sich über den Hirten und die unterbrochene Nachtruhe. In der dritten Nacht kam tatsächlich ein Rudel Wölfe und bedrohte die Schafe. Der Schafhirte schrie aus Leibeskräften: „Der Wolf ist da, zu Hilfe, zu Hilfe! Der Wolf ist wirklich da - zu Hilfe!“ Aber die Bauern glaubten ihm nicht, drehten sich im Bette um und schliefen weiter ...!

Ja, so ist das bis heute: Wer einmal lügt, dem glaubt man nicht, auch wenn er die Wahrheit spricht!

Winfried von Landenberg