20.11.2017 16:13:39

Die Mürlenbacher Begräbnisplätze

Die Mürlenbacher Begräbnisplätze           

von Ernst Becker

 

Mein Interesse an der Geschichte der Mürlenbacher Begräbnisplätze wurde geweckt durch eine Nachricht in der „Eifeler Volkszeitung“ vom 24. August 1928, die im letzten Satz einen evangelischen Friedhof erwähnt:

 

Prüm, den 24. August 1928

Mürlenbach. Der neue Friedhof

Zur Zeit findet eine Verbesserung unseres Kirchhofes statt. Seit der Anlegung desselben ist ein Zeitraum von ungefähr hundert Jahren verflossen. Vordem befand sich der Gottesacker im Umkreis der Kirche. Bei der Vergrößerung derselben vor vier Jahren wurde noch viel Totengebein ausgegraben. Das Innere der Kirche nimmt nunmehr fast den ganzen damaligen Friedhof ein. Der jetzige Friedhof befindet sich etwas außerhalb des Ortes auf einer kleinen Anhöhe. Dies ist insofern von Vorteil, als er vor Hochwasser geschützt ist. Zweimal wurde er bereits im Laufe der Zeit vergrößert. Umgeben ist er nach altem Brauch mit einer Weißdornhecke, welche jetzt teilweise durch eine Mauer ersetzt wird. An den Rändern des Kirchhofes sind jetzt neue Wege angelegt und ein durch die Mitte führender breiter Weg ist verbessert worden. Sämtliche Wege sollen noch mit schwarzem Sand bestreut werden. Derjenige Teil, auf dem die Kinder bestattet worden sind, soll, da er mit dem Ganzen nicht harmonierte, durch Zufuhr von Grund erhöht werden. Die alten Kreuze sind geordnet in einer Reihe aufgestellt. In den letzten Jahren sind auch wieder mehrere schöne Grabsteine hinzugekommen. Eine ähnliche Verbesserung wurde auch dem daran grenzenden evangelischen Friedhof zuteil.

 

Ein evangelischer Friedhof in Mürlenbach? Ja! Und in Gesprächen mit älteren Einwohnern berichteten diese gar von einem „Juddekirchhof“, dessen Existenz von ihren Eltern mündlich überliefert sei. Hierzu und zu den Mürlenbacher Begräbnisplätzen im allgemeinen suchte ich nach Hinweisen in Archiven und Katastern. Dabei konnte ich viele Informationen gewinnen, wenn auch (bisher) nicht alle Fragen zu klären waren.

 

Der „alte“ Kirchhof

Im Christentum wurde als Bestattungsweise allein das Begraben des Leichnams geduldet. Die Gläubigen wollten aufgrund ihrer christlichen Einstellung möglichst nahe der Kirche, dem Hause Gottes, bestattet werden. Auch im Inneren der Kirche fanden besondere Persönlichkeiten ihre letzte Ruhestätte. Von der Nähe zu den Reliquien der Heiligen erhoffte man sich deren Fürbitten im Jenseits. Für ungetaufte Neugeborene gab es einen besonderen Platz auf dem Kirchhof, da man glaubte, diese seien – wenn auch ohne eigenes Verschulden – vom Himmel ausgeschlossen.

 

Die Weise der Bestattung auf dem Kirchhof, inmitten der Ortschaft, war in hygienischer Weise sehr bedenklich. Zudem beeinträchtigten Hochwasser der Kyll den Kirchhof. Da es keine einheitlichen Vorschriften gab, herrschten mancherlei Missstände und aus heutiger Sicht geradezu unhaltbare Zustände. 

 

Nicht alle fanden ihre letzte Ruhestätte auf dem „Kirchhof“. Außerhalb - in einem „ehrlosen“ Grab - wurden z.B. Selbstmörder, Hingerichtete und Andersgläubige bestattet. Ortsfremde Tote, deren religiöse Zugehörigkeit nicht bekannt war, wurden ebenfalls außerhalb des Kirchhofes begraben.

 

Anfang des 19. Jahrhunderts wurde der Kirchhof aufgegeben und ein neuer Friedhof außerhalb der Ortslage angelegt. Gegen eine an die Gemeindekasse zu zahlende Entschädigung wurde aber noch 1901 und 1902 zwei Anträgen auf ein Erbbegräbnis „auf dem alten Friedhof“ stattgegeben.

 

Bei den Bauarbeiten zur Erweiterung der Kirche wurden 1923 noch zahlreiche Skelette gefunden. „Auch fand sich im alten Chore, direkt in der Mitte vor der Kommunionbank, ein vollständig erhaltenes Skelett vor, das dann tiefer in den Boden der Kirche eingegraben wurde.“

 

Der „neue“ Friedhof

Für das Bestattungswesen war im Alten Reich ausschließlich die Kirche zuständig. Die französische Besetzung des linksrheinischen Gebietes durch Napoleon (1794) mit der folgenden Eingliederung in die Französische Republik brachte entscheidende Änderungen. Das Beerdigungsrecht wurde verweltlicht und neu gestaltet. Aufgeklärtes Denken und der  Gleichheitsgedanke der Französischen Revolution waren die Grundlagen für die gesetzliche Regulierung des Bestattungsrechtes allein durch den Staat.

 

Ob die fortschrittliche Denkweise wohl Anfang des 19. Jahrhunderts den Anstoß zur Anlage des neuen Friedhofes außerhalb der bebauten Ortschaft gab – oder war einfach der Platz an der Kirche zu eng geworden?

 

Der  neu angelegte katholische Friedhof am Ortsrand umfasste zunächst lediglich die Fläche unterhalb des heutigen Mittelweges bis zu dem Querweg. Oberhalb des Mittelweges befanden sich Gärten, die in mehreren Erweiterungsschritten angekauft und als Friedhofsflächen gewidmet wurden. 1979 erfolgte der Ankauf einer angrenzenden Fläche zwecks einer wesentlichen Erweiterung des Friedhofes nach Süden.

 

Eine Bereicherung erfuhr der Friedhof im Herbst 1968 mit der zweckmäßigen

Leichenhalle, die sich baulich gut das umgebende Gelände anpasst. Im gleichen Jahr war erstmalig eine maßstabsgetreue Kartierung des Friedhofes mit sämtlichen Grabstellen und deren Belegung erstellt worden.

 

 

Der Friedhof wurde in den letzten Jahren teilweise neu gestaltet. Es wurden 300 Meter Naturstein-Mauern erstellt und eine schmucke Kapelle errichtet. Zudem wurden der ortseitige Zugang verbessert und eine Toilette installiert.

 

 

Der evangelische Friedhof

Der Königliche Landrat zu Prüm schreibt am 19. Februar 1899: „In Mürlenbach war früher ein kleiner evangelischer Friedhof an einer ganz unansehnlichen Außenstelle vorhanden, der im Jahre 1897... ersetzt wurde“. Aus dem Schreiben ergibt sich ferner, dass hier zu dieser Zeit 12 Evangelische (gegen 735 Katholiken) lebten. Der neue evangelische Friedhof wurde (1897) angrenzend an den katholischen Friedhof eingerichtet. Er umfasste 80 Quadratmeter. Durch Beschluss des Gemeinderates vom 27. März 1944 wurde der evangelische Friedhof „wegen anderweitiger Belegung aufgehoben“. Es wurde ein Platz für die Opfer des Krieges benötigt und an dieser Stelle der heutige Ehrenfriedhof eingerichtet.

 

Der Juddekirchhof

Mehrere ältere Einwohner gaben mir – im wesentlichen übereinstimmend - eine unerwartete Information: In Mürlenbach habe früher ein jüdischer Friedhof bestanden, der etwa 200 m außerhalb des Ortes -  gegenüber der Zufahrt zur Gemarkung „Auf dem Dorn“ - gelegen war. Obwohl der größte Teil der bezeichneten Fläche inzwischen zur Verbreiterung der Straße benötigt wurde, ist heute noch, wenngleich überwuchert, eine ebene Restfläche in dem umgebenden Hanggelände gut zu erkennen, die dem überlieferten Friedhof zuzuordnen ist.   

 

Ich konnte jedoch keine Beweise für einen früheren jüdischen Friedhof finden – im Gegenteil spricht einiges hiergegen. Gemäß dem „Nachweis der israelitischen Bevölkerung“ der Regierung zu Trier lebten im Jahre 1843 hier keine Juden. Der erste Beleg über Juden in unserem Ort ergibt sich anhand der Volkszählung von 1885, nämlich 12 Personen. Am 1. Dezember 1910 lebten hier 8 jüdische Einwohner und 1930 sind 4 jüdische Einwohner nachgewiesen, nämlich die  Familie Fränkel, die in der Alten Straße wohnte. Sie wanderte rechtzeitig nach Amerika aus und ist so einem schlimmen Schicksal entgangen. Es ist unwahrscheinlich, dass für diese kleine jüdische Gemeinschaft ein eigener Friedhof bestand. Auch die zeitlich unbegrenzte, unantastbare Totenruhe der Juden spricht hiergegen. In den Verzeichnissen der jüdischen Friedhöfe ist Mürlenbach nicht aufgeführt. 

 

Derartige Überlieferungen haben allerdings meist einen wahren Hintergrund und sollten ernst genommen werden. Die mundartliche Bezeichnung „Juddekirchhof“ könnte die Umschreibung für einen Begräbnisplatz für Nichtkatholiken sein. Diese Annahme stützt ein Dokument vom 6. Februar 1858: „Nachdem die Gemeinde Mürlenbach nunmehr zur Beerdigung der Leichen von Personen nicht katholischen Glaubensbekenntnisses einen besonderen Kirchhof hat errichten lassen....“. War dies der sogenannte „Juddekirchhof“? Die Mutter einer älteren Einwohnerin hat dieser berichtet, dass ein ortsfremder, unbekannter Handwerksbursche in Mürlenbach tot aufgefunden wurde, und da seine Religionszugehörigkeit nicht bekannt war, wurde dieser auf dem Juddekirchhof beerdigt.

 

Der Ehrenfriedhof

Wie bereits dargelegt, wurde der Ehrenfriedhof 1944 an der Stelle des aufgehobenen evangelischen Friedhofs eingerichtet. Es sind 23 Grabstellen mit 25 Opfern der beiden Weltkriege belegt: 1 Flieger des 1. Weltkrieges, 20 Soldaten des 2. Weltkrieges, 1 unbekannter Pole und 3 Opfer der Familie Flohs, die bei der Explosion eines Munitionszuges im Bahnhof Mürlenbach am 24.12.1944 ums Leben kamen. Am 19. November 1947 (Buß- und Bettag) fand die feierliche Überführung der sieben noch außerhalb gelegenen gefallenen deutschen Soldaten statt. Sie wurden auf dem Ehrenfriedhof neben ihren bereits dort beerdigten Kameraden beigesetzt.

 

Besondere Grabstätten und Denkmäler

In der Reihe der Priestergräber harren drei Seelsorger der Auferstehung.

 

Eine Teilfläche des Friedhofes dient als letzte Ruhestätte für die verstorbenen Ordensschwestern und Heimbewohner des Don-Bosco-Hauses. Derzeit ruhen dort sechs Ordensschwestern sowie einige ehemalige Heimbewohnerinnen.

 

Auf einem ehemals privaten Teil des Friedhofbereichs, welcher später der Gemeinde übertragen wurde, befinden sich zwei besonders beachtenswerte Denkmäler:

1) Dr. jur. Peter Plein, Bundesrichter i.R.  (früher Besitzer der Bertradaburg) und Erna Plein, geb. v. Rosen, Herrin auf Neudorf  – dessen Ehefrau, verehrt als Bundesmutter der Kriegsblinden. Das Denkmal ist zugleich errichtet zum Gedächtnis der Eltern und des als Flieger abgestürzten Bruders von Erna Plein.

2) Margot, Gräfin von Lüttichau, geb. v. Rosen  (Schwester der Erna, geb. v. Rosen). In Memoriam: Friedrich Graf v. Lüttichau.

 

Mehr über unsere Begräbnisstätten ist zu erfahren in meinen weiteren hier veröffentlichten Abhandlungen:

Ø     Der Ehrenfriedhof zu Mürlenbach

Ø     Priestergräber in Mürlenbach

Ø     Die Grabdenkmäler der Familie Plein – von Rosen.