18.11.2017 20:19:11

Das verdienstreiche Lebenswerk eines Kriegsblinden

Das verdienstreiche Lebenswerk eines Kriegsblinden

Dr. jur. Peter Plein aus Mürlenbach (1896 – 1970)

 

Von Ernst Becker

 

Dem am 25. Februar 1896 in Mürlenbach als Sohn eines Kaufmannes geborenen Peter Plein stand ein Leben mit verzweifelten Tiefen und erfolgreichen Höhen bevor. Das Schicksal bürdete ihm die schwere Last der Blindheit durch Kriegseinwirkung auf. Dennoch hat er so Vieles und Großartiges in seinem Leben geleistet, dass es nicht leicht ist, dieses in nur kurzer Form darzustellen. 

 

Den Eltern verstarb ihr erstes Kind, Peter, bereits im Alter von sieben Monaten. Der vier  Monate hiernach geborene Sohn, dem dieser Beitrag gewidmet ist, wurde ebenfalls auf den Namen Peter getauft. Der Familie wurden noch fünf weitere Kinder geschenkt.

 

Peter Plein besuchte zunächst die Volksschule in seinem damals etwa 850 Einwohner zählenden Heimatort Mürlenbach. Später schickten ihn seine Eltern in die Internatsschule der „Christlichen Schulbrüder“ in Grand-Halleux/Vielsalm in Belgien. Dieses Institut nahm ausschließlich deutsche Schüler auf. Da es ihm hier wohl zu streng zuging, wechselte er 1910 zum Staatlichen Gymnasium in Prüm, das er bis zum 6. Januar 1914 besuchte. Er wurde von hier zum Friedrich-Wilhelm-Gymnasium (FWG) in Trier überwiesen. Die Schüler wurden neben ihrem Unterricht – ganz dem Zeitgeist entsprechend – auch auf einen militärischen Dienst vorbereitet. Als am 1. August 1914 der Erste Weltkrieg ausbrach, meldeten sich viele Schüler und Lehrer in vaterländischer Begeisterung freiwillig zum Kriegseinsatz. Auch insgesamt 26 Lehrer und 323 Schüler des FWG zogen im Verlaufe des Krieges in den Dienst für Kaiser, Volk und Vaterland. 9 Lehrer und 59 Schüler dieser Schule sind gefallen. Kurz nach Kriegsausbruch meldete sich auch der 18-Jährige Gymnasiast Peter Plein zum Deutschen Heer und trat am 21. September 1914 den Dienst an. Der Krieg forderte zwar nicht sein Leben, raubte ihm aber sein kostbarstes Sinnesorgan, das Augenlicht.

 

Während einer Patrouille an der Dolomitenfront bei Cortina d´Ampezzo veränderte eine Minenexplosion sein junges Leben von einem Moment zum nächsten total. Im September 1915 wurde er - im Alter von 19 Jahren - schwer verwundet und verlor sein Augenlicht. Wie er später schrieb, setzte er sich mit allen Willenskräften gegen das Gefühl zur Wehr, ein Weiterleben sei unmöglich. Es war für ihn „völlig unfassbar, dass das Leben nochmals einen Sinn erhalten könnte“. Aber bald gab ihm die Kameradschaft mit kriegsblinden Kameraden im Lazarett und anderswo die ersten seelischen Kräfte, ein neues Leben aufzubauen.

 

Noch während seiner Lazarettzeit in Nürnberg eignete er sich an der dortigen Blindenanstalt blindentechnische Grundkenntnisse an. Einen Freund und Helfer fand er in dem ebenfalls blinden Akademiker, Anstaltsdirektor Schleussner, der mit ihm die Gymnasialfächer wiederholte und ihm zum Abitur am Trierer Gymnasium verhalf, das er am 27. Februar 1917 trotz seiner Erblindung bestand. Dennoch stieß er auf Unverständnis und Vorurteile mit seinem Bestreben zu einer akademischen Laufbahn. Die Berufsberatung sah seine Zukunft im Bürstenmacherhandwerk. Mit großem Mut und Beharrlichkeit schaffte er aber alle Hürden und wurde zum Studium zugelassen. Dass Blinde heute nicht mehr unter den damaligen Vorurteilen leiden müssen und den Weg zu einem Studium ebenso wie Sehende wählen können, ist großenteils dem Einsatz von Dr. Plein zu verdanken.

 

Von Nürnberg ließ er sich in die Marburger Augenklinik verlegen und siedelte am 1.4.1917 als erster Insasse in die Deutsche Blindenstudienanstalt Marburg über. Hier und später in Berlin studierte er Jura und Volkswirtschaft. 1920 legte er am Kammergericht Berlin die Erste juristische Staatsprüfung mit „gut“ ab. Bereits am 29. Juli 1921 wurde er an der Universität Berlin zum Doktor beider Rechte (Doctor iuris utriusque) promoviert. 1924 bestand er am Preußischen Justizministerium die Zweite juristische Staatsprüfung. Von 1924 bis 1944 war er als Gerichtsassessor und Amtsgerichtsrat an Berliner Amtsgerichten tätig.

 

Der Gerichtsassessor Dr. jur. Peter Plein hatte am 6. Juni 1925 Erna v. Rosen geheiratet. Sie war geboren in Potsdam als Tochter des Rittergutbesitzers und späteren Generalleutnants Freiherr Otto v. Rosen. Im Geiste der Pflichterfüllung und dienenden Menschenliebe erzogen, war sie als Rot-Kreuz-Schwester in ein Berliner Krankenhaus eingetreten. Wegen ihrer besonderen Eignung war sie zur Leiterin des im Jahre 1915 gegründeten Kriegsblinden-Ausbildungsheimes bestellt worden, dem sie bis zu seiner Auflösung 1920 vorstand. In den folgenden Jahren widmete sie sich der Bewirtschaftung ihres ererbten Gutes in Neudorf am Gröditzberge, gab aber nie die Verbindung zu ihren kriegsblinden Freunden auf.

 

Vom 1. November 1944 an übte Dr. Plein beim Amtsgericht Goldberg in Schlesien (der Kreisstadt des Heimatortes seiner Ehefrau) die Tätigkeit bis zum 11. Februar 1945 alleine aus. Mit dem Einmarsch der Russen wurde diese gewaltsam beendet. Dr. Plein wurde von russischen Militärs festgenommen und verschleppt. Mit viel Glück kam er frei, jedoch verloren er und seine Ehefrau den gesamten Besitz in Schlesien, als sie am 25. Juni 1945 von den Polen von ihrem Gut Neudorf vertrieben wurden. Gemäß dem Güteradressbuch Schlesien des Jahres 1873 umfasste ihr Rittergut 939 Morgen (cirka 235 Hektar), davon 750 Morgen Acker, 117 Wiesen, 69 Wald und 3 Wasser.

 

Bereits 1935 hatte Dr. Plein den privaten Teil der Bertradaburg gekauft, der bis dahin im Eigentum der in Konkurs geratenen Brauerei und Brennerei Kersten war. Aus der schlesischen Heimat vertrieben, kehrte er mit seiner Frau zurück in die Eifel - auf seine Burg.

 

Ihrem 16 Jahre jüngeren kriegsblinden Mann war seine Frau Erna Plein, geb. v. Rosen,  in guten und schlechten Zeiten eine treue Gefährtin und unentbehrliche Helferin in der ehrenamtlichen Kriegsblinden-Arbeit. Sie war unermüdlich tätig, unterstützte und half bei seiner Berufsarbeit und bei der Erfüllung seiner Ehrenämter. Sie war die ständige Begleiterin ihres Mannes und auf allen Tagungen an seiner Seite. Besonders in den schlimmen Zeiten des Krieges, der Vertreibung aus der Heimat und den schweren Nachkriegsjahren scheute sie kein Opfer und keinen Einsatz ihrer Kräfte. Sie wurde als „Bundesmutter der Kriegsblinden“ von den Schicksalsgefährten ihres Mannes – und nicht nur von diesen - verehrt, und ein Kurheim des Deutschen Bundes der Kriegsblinden Deutschlands trug ihren Namen. Ein schwerer Schicksalsschlag traf Dr. Peter Plein, als seine Frau am 18. August 1951 nach kurzer Krankheit in Heidelberg verstarb. Auch die deutschen Kriegsblinden erlitten mit dem Tode ihrer allseits verehrten Bundesmutter einen schweren Verlust. Ihr Leichnam wurde – wie damals üblich – mit der Eisenbahn nach Mürlenbach überführt, wo sie unter größter Anteilnahme ihre letzte Ruhestätte fand.

 

1954 heiratete Dr. Plein in zweiter Ehe Gerda Berkenbrink, seine Sekretärin.

 

Nach dem Ersten Weltkrieg lebten in Deutschland 3500 Kriegsblinde, für die der am 5. März 1916 in Berlin gegründete „Bund erblindeter Krieger“ sich einsetzte. Dr. Plein war von 1929 bis 1936 dessen Bundesvorsitzender. Nach dem Zweiten Weltkrieg lebten in Deutschland 11.000 Kriegsblinde. Der verlorene Krieg traf die Schwerstversehrten am bittersten, da weder eine angemessene Rente noch die notwendige Fürsorge geregelt waren. Mit unermüdlichem Einsatz setzte Dr. Plein sich für die Belange der Kriegsblinden ein, wobei seine juristische Bildung, seine besonderen Kenntnisse des Sozialrechtes und speziell des Kriegsopferrechtes unschätzbar waren. Der „Bund erblindeter Krieger“, als tragende Schicksalsgemeinschaft, war von den Alliierten verboten worden. Daher initiierte Dr. Plein die Gründung des Bundes erblindeter Körperversehrter von Rheinland-Pfalz e.V. am 27. Juni 1947 in Gerolstein und übernahm dessen Vorsitz. Gleichfalls auf seine Initiative ist die Gründung der Kriegsblinden-Handwerkerfürsorge Rheinland-Pfalz im September 1947 und des Kriegsblinden-Fürsorgevereins für Rheinland-Pfalz im Jahre 1953 zurückzuführen, deren Landesvorsitzender er gleichfalls lange Jahre hindurch war.

 

Am 27. September 1949 wurde der „Bund der Kriegsblinden Deutschlands (BKD)“ in Stuttgart gegründet. Dr. Peter Plein war dessen erster Bundesvorsitzender, bis seine Wiedereinstellung in den Justizdienst beim Landgericht Koblenz am 1. April 1953 ihm keine zeitlichen Reserven mehr für seine Ehrenämter ließ, da die berufliche Tätigkeit ihn sehr in Anspruch nahm. Am 8. Juli 1954 war Peter Plein zum Berufsrichter an das Bundessozialgericht in Kassel gewählt und von Bundespräsident Heuss ernannt worden. Dieses hohe Richteramt übte er sieben Jahre lang aus. Wie er sagte, bedurfte es größter Anstrengungen und der Anspannung aller geistigen und körperlichen Kräfte, um mit den sehenden Richterkollegen beim höchsten Gericht auf dem Gebiete des Sozialrechts gleichen Schritt zu halten. Nach seiner Versetzung in den Ruhestand am 31. Juli 1961 übernahm er ohne Zögern wieder den Vorsitz des Landesverbandes Rheinland-Pfalz und des Kriegsblinden-Fürsorgevereins bis März 1965. Außerdem war er vorübergehend als Geschäftsführer der Kriegsblinden-Handwerkerfürsorge in Rheinland-Pfalz tätig. Seine zahlreichen Aufsätze in den Organen des BKD geben Zeugnis von seinem großartigen Einsatz für seine kriegsblinden Kameraden.

 

Für seine außerordentliche berufliche und ehrenamtliche Tätigkeit wurde ihm am 1. Juli 1953 das Verdienstkreuz 1. Klasse verliehen, das ihm während einer Feierstunde im Geschäftshaus des BKD in Bonn am 22. Juli 1953 überreicht wurde. Im Rahmen einer Höherstufung am 10. August 1961 wurde ihm das Große Verdienstkreuz des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland verliehen, das ihm am 3. Oktober 1961 der Bundesminister für Arbeit und Sozialordnung überreichte. 

 

Als Ehemaliger des Staatlichen Regino-Gymnasiums in Prüm hielt er Verbindung zu seiner Schule, den Mitschülern und Lehrpersonen. Nach der Vertreibung wieder in Mürlenbach angesiedelt, fand er Anschluss bei dem Verein der Ehemaligen, dem er sich – wie könnte es bei ihm anders sein – mit voller Hingabe widmete. Wie aus der Chronik des Regino-Gymnasiums Prüm von 1971 zu entnehmen ist, war es ruhig um den Verein der Ehemaligen geworden. Dr. Plein arbeitete an einer Wiederbelebung und lud 1963 zu einem Treffen auf der Bertradaburg Mürlenbach ein. Ein Schülertreffen im folgenden Jahr, zu dem er gebeten hatte, führte dann zu dem erwünschten Neuanfang, mit der Gründung des Vereins der ehemaligen Lehrer und Schüler des Regino-Gymnasiums Prüm. Zu dessen Vorsitzenden wurde Dr. Plein berufen – ein Ehrenamt, das er bis zu seinem Tode innehatte.

 

Seinem Heimatort Mürlenbach war er stets treu verbunden. Schon früh beschäftigte ihn die Geschichte des Ortes und der Burg. Er besuchte die Volksschulklassen, berichtete den Kindern von den Ergebnissen seiner Forschungen und legte ihnen dabei die große geschichtliche Vergangenheit ihres Heimatortes ans Herz. Die Bertradaburg als Geburtsort Karls des Großen geschichtlich nachweisen zu können, war sein besonderes Bemühen. In der Jahreschronik 1970 des Prümer Gymnasiums erschien sein Beitrag „Die Burgfeste bzw. Burganlage in Mürlenbach an der Kyll/Eifel“, in dem er die Ergebnisse seiner Heimatforschung zur frühen Geschichte von Dorf und Burg Mürlenbach, vom Ursprung bis zur Zeit der Karolinger, veröffentlichte. Er wollte in einem weiteren Aufsatz die Beziehungen der Burg zu den Karolingern beschreiben (da nach neueren Forschungen die Mutter Karls des Großen und Frau des jüngeren Pippin - Bertrada die Jüngere - eine Enkelin der Bertrada der Älteren von Mürlenbach war). Diesen angekündigten Aufsatz über die spätere Geschichte der Wehranlage in Mürlenbach konnte er nicht mehr veröffentlichen. Seine sicherlich umfangreichen Forschungsunterlagen sind leider verschollen.

 

Er starb am 26. August 1970 auf seiner Bertradaburg in Mürlenbach. Eine übergroße Trauergemeinde geleitete ihn zu der Familiengrabstätte, wo bereits seine als „Bundesmutter der Kriegsblinden“ hochverehrte verstorbene Frau Erna ihre letzte Ruhestätte gefunden hatte.

 

Das Grabdenkmal von Dr. Peter Plein und Erna Plein, geb. von Rosen ist in einem separaten Artikel auf der Seite „Mürlenbacher Geschichten“ beschrieben.

 

                                  

Literatur (soweit nicht im Text erwähnt):

> Der Kriegsblinde Nr. 9, 21. Jahrgang, September 1970, Seite 6 und 7

> Peter Plein: ein blinder Bundesrichter, horus (1956), H. 2, S. 1 - 2

> Frau Erna Plein zum Gedächtnis, mb (1951), H. 5, S. 340 - 342

 

 

 

Peter Plein als junger Soldat - vor seiner Erblindung

Der kriegsblinde Dr. Peter Plein mit Führhund vor seiner Bertradaburg, die er nur noch aus der Erinnerung "sehen" kann.