23.11.2017 15:39:23

Geschichten um den Mürlenbacher Pastor Arnold Ahrent

Geschichten um den Mürlenbacher Pastor Arnold Ahrent

 

von Ernst Becker

 

Der in Schönecken geborene Arnold Ahrent[1]  wurde am 20. Juni 1848 Pfarrer von Mürlenbach. Bereits ab 13. November 1847 versah er, noch als Pastor von Densborn, die Administration der Pfarrei Mürlenbach, welche durch Versetzung des Pfarrers Meyers nach Olzheim vakant geworden war. Er las jeden Sonn- und Feiertag eine Messe in Mürlenbach und zwar abwechselnd an dem einen Früh- und dem anderen Spät- oder Hochmesse. Dafür stand ihm gesetzlich die Hälfte des Staatsgehaltes mit 250 Frcs, oder 69 Th (Thaler) und 18 Sgr (Silbergroschen) zu. Der Gemeindevorsteher Bohnen hatte im Einverständnis der Kirchenratsmitglieder mit Pfarrer Ahrent unter-handelt, dass diesem für jede Messe der Betrag von 1Th und 15 Sgr zukommen solle.

 

Er war ein Mensch, der mit beiden Füßen auf dem Boden stand und ein Original, das in mancherlei Geschichten fortlebt. Als sein Neffe Matthias Arenth aus Schönecken im Alter von 11 Jahren als Waise dastand, nahm der Pastor ihn (wahrscheinlich 1857) zu sich nach Mürlenbach. Er zog ihn auf und ließ ihn studieren.[2]

 

Ebenso verbrachte der verwitwete Vater des Pastors seine letzte Lebenszeit bei ihm in Mürlenbach. Am 19. Dezember 1858 verstarb sein Vater Franz Georg im hohen Alter von 98 Jahren. Dem Civilstandsbeamten der Bürgermeisterei Mürlenbach, Bürgermeister Biesten, wurde der Tod am folgenden Tag an seinem Dienstsitz in Birresborn angezeigt. Nachdem dieser sich von dem Tode überzeugt hatte, stellte er unter der Nr. 59 des Sterberegisters der Bürgermeisterei Mürlenbach den Sterbe-Akt aus.

 

Für die Überführung seines verstorbenen Vaters nach Wetteldorf (Pfarrort von Schönecken) wurde dem Pastor ein Leichen-Paß gegen die Gebühr von zwei Thalern ausgestellt.

 

Eine Freundschaft verband Pfarrer Ahrent mit dem berühmten Pfarrer Hansen in Ottweiler. Dieser war ebenfalls ein Sohn der Eifel und stammte aus Quiddelbach (in der Nähe der Nürburg). Pfarrer Hansen war seiner Zeit weit voraus und kämpfte in Politik und Kirche für Veränderungen. Er warb für kirchliche Reformen, die Messe in deutscher Sprache zu lesen und die Abschaffung des Zölibates. Politisch war er links positioniert – für die damalige Zeit für einen Pfarrer ungewöhnlich. 1848 wurde Hansen in die preußische Nationalversammlung gewählt und 1849 wählte man ihn in den preußischen Landtag. Er gründete das erste Bistumsblatt für die Diözese Trier, war Schulinspektor, gründete Vereine für die Bergleute und für Heimatkunde.

 

Von seinem Besuch bei Pastor Hansen in Ottweiler befand sich im Nachlass des Mürlenbacher Pastors Ahrent das abgebildete Foto. Das Foto trägt eine Widmung: „Seinem alten Freund Pfarrer Arenth bei seiner Anwesenheit in Ottweiler am 20. August 1873. Hansen, Pfarrer in Ottweiler“. Wahrscheinlich fuhr Pfarrer Ahrent mit der Bahn zu seinem Freund Hansen. Dieses neue Verkehrsmittel hatte mit der gerade zwei Jahre vorher eröffneten Eifelstrecke auch Mürlenbach erschlossen. Der Trierer Bahnhof, der auf der linken Moselseite lag (Trier West), war Umsteigestation Richtung Saarbrücken, wo Anschluss nach Ottweiler bestand. 

 

              

 

 Das Foto zeigt: Sitzend = Pfarrer Ahrent, stehend = Pfarrer Hansen

 

Um Pfarrer Ahrent, den langjährigen Pastor von Mürlenbach (1848 – 1877), der zuvor dreizehn Jahre lang (1835 bis 1848) Pastor von Densborn war, sind etliche Geschichten überliefert.

 

Sein Verwandter Nikolaus Arenth aus Schönecken erzählte dem Verfasser die zwei folgenden Stückelchen:

 

> Eine Bittprozession führte über die Mürlenbacher Fluren. Man betete gemeinsam für eine gute Ernte. Pastor Ahrent blieb bei einem Feld stehen, welches wohl in einem sehr schlechten Zustand war, und sagte zu den Prozessionsteilnehmern: „Hej heleft keen Beden, hej moß Mast hiner!“

 

> Pastor Ahrent erklärte seinen Schäfchen das Wesen des Himmels so: „Ihr müsst euch vorstellen, der ganze Kirchenraum wäre voll Brei und der Kirchturm wäre aus Zucker. Wenn man nun den gesamten Zucker in den Brei schütten und umrühren würde, gäbe das eine große Menge sehr süßen Brei. „Awer dat wär nach en Schaß jent die himmlich Seßigkeet!“

 

Aus „Sagen und Geschichten aus der Westeifel“

sind die von Matthias Zender gesammelten und herausgegebenen Legenden um Pastor Arnold Ahrent unverändert übernommen:

 

„PASTOR AHRENT VON MÜRLENBACH

Pastor Arnold Ahrent war von 1848  bis 1877 Pfarrer in Mürlenbach. Er wird von meinen Erzählern als Original und witziger Mensch geschildert. Ein umfangreiches handschriftliches Wörterbuch der Mürlenbacher Mundart zeugt von seinem engen Verhältnis zum Volk, wodurch er wohl auch in den Ruf besonderer Kräfte kam.

 

Ein Kunststück

620  D e n s b o r n.  Pastor Ahrent spielte einmal mit drei Bauern Skat. Da hat er Scheppebouer (Pickbube) auf die Kyll trinken geschickt. Auf einmal hatten sie Scheppebouer verloren. Sie haben ihn überall gesucht; da sagte der Pastor zu einem: „Geh auf die Brück, auf dem zweiten Bordstein, da liegt er.“ Der ging hin, und da lag er auch.

 

Er bannt Diebe fest

621  D e n s b o r n.  Pastor Ahrent, de soll am Killwald e Spitzbuf don stohn han. Do sollen e por Kereln jewest senn, de han en ajehalten: „Hände hoch!“ „Da wart emol e beßchen“, e schwatt su lassem; dur senn se steif jenn, dur jong en. Dur hat en äne von Mirelbach dohijescheckt, de sot, se kenne john.

 

Pastor Ahrent, der soll im Kyllwald einen Spitzbuben tun stehen lassen. Da sollen ein paar Kerle gewesen sein, die haben ihn angehalten: „Hände hoch!“  „Dann warte mal ein bisschen“, er redete so langsam. Da wurden sie steif, da ging er. Da schickte er einen von Mürlenbach dahin, der sagte, sie können gehen.

 

622  -  Pastor Ahrent kam einmal von Balesfeld. Im königlichen Wald ist er angehalten worden für sein Geld von einem Kerl. Da hat er sein Sacktuch aus dem Sack geholt und es auf den Boden gespreitet und Geld darauf auf den Boden gelegt. Dann ging er weiter. Der Kerl blieb aber da stehen, und so stand er die ganze Nacht. Morgens, ehe die Sonne da war, hat der Pastor meinen Ihm, den Koster Mates, geschickt, er könne gehen.

 

623  M ü r l e n b a c h.  Ja, den habe ich noch gekannt. Den Jahrgang vor mir hat er noch zur Kommunion geholt.

Von dem hurt ma viel. Et oß äs äne op Äppel jangen. De Pastur hat e schunge Jort. Nou wäß ich net, wie en et jewohr oß jenn. Freher hat mer su en lenge Kiddel. Du hat än et Äppel jehollt on en de Kiddel jedon. Du hol en do mot dem Kiddel un jof der Äppel net mih los bis morjes. Du hat de Her e lofe jeloß.

Frage Zuhörer: „Oß dat wohr?“ T. bestimmt: „Dat oß wohr.“

 

Vom dem hörte man viel. Es ging einer nach Äpfeln. Der Pastor hatte einen schönen Garten. Nun weiß ich nicht, wie er es gewahr wurde. Früher trug man solch lange leinene Kittel. Da hat einer Äpfel geholt und in den Kittel getan. Da hielt er da mit dem Kittel, und er wurde der Äpfel nicht mehr los bis morgens. Da hat der Pastor ihn laufen lassen.

Frage: Ist das wahr?

Antwort: Das ist wahr.

 

Er hilft bei Diebstahl

624  D e n s b o r n.  Einem Manne von Tünteshof waren im Walde Bäume abgehauen worden. Er geht deswegen zum Her Ahrent. Da sagt der, er solle bis Sonntag in die Sakristei kommen, da zeige er den Mann, der das gewesen wäre. Das tat der Mann, da konnte er den Kerl in Weihwasser sehn. Der Pastor sagte, er dürfe ihm aber nichts tun, er dürfe auch nichts sagen. Er sah in auch.  

 

Pastor Ahrent segnet das Feuer

625  M ü r l e n b a c h.  Siewenzig, do war zo Mirelbach su e gruß Feier. Dur jof et jo noch kän Wasserleitung. Un de Frucht war jrad an, - un mat de Strihdächen ... En janz Reih von er Stroß aß verbrannt. Dur aß den Her Ahrent iwer den Handel kun, en aß e beßchen dodurch jangen, dur hat et net mih weider jebrannt. Wat jebrannt hat, dat aß verbrannt, awer et hat net mih weider jebrannt. Zuhörer: Dat hun ich alt decker jehurt verzehlen.

 

Siebzig, da war in Mürlenbach so ein großes Feuer. Damals gab es ja noch keine Wasserleitung. Und das Getreide war gerade drin ... Und mit den Strohdächern ... Eine ganze Seite von einer Straße ist verbrannt. Da kam der Herr Ahrent über den Handel, er ist ein bißchen dadurch gegangen, da hat es nicht mehr weiter gebrannt. Was gebrannt hat, das ist verbrannt, aber es hat nicht mehr weiter gebrannt.

Zuhörer: Das habe ich schon öfter erzählen hören.

 

Der noch überall verbreitete Glaube, daß Geistliche Feuer bannen können, geht wohl auf einen kirchlichen Feuersegen zurück, der im Mittelalter allgemein gebräuchlich war.

 

676  M ü r l e n b a c h.  Von Jokobsknapp auf Mürlenbach ging ein Pastor, der wurde angefallen. Dem forderten sie Geld oder Blut ab. Er gab dem drei Mark, und er solle niemals mehr sowas machen. Das soll auch wahr sein. Der Her war von Wetteldorf.

Anmerkung: Pastor Ahrent stammte aus Schönecken (damals Pfarrei Wetteldorf ), sehr wahrscheinlich war er der überfallene Pastor.

 

Der Hund beim Versehgang

1553  M ü r l e n b a c h.  Pastor Ahrent sollte mit dem Küster nach Kopp gehen zu einem Versehgang. Beim Schützkreuz, da stellte sich ihnen ein großer Hund in den Weg. Der Küster blieb stehen. Ahrent hat den Küster gestoßen, er solle ruhig vorangehen. Wer auf einem Versehgang ist, der hat Gewalt.“

 

 

Pfarrer Ahrent starb am 22. Oktober 1877. Seine Grabstätte in der Reihe der Priestergräber auf dem Friedhof zu Mürlenbach wird bis heute gepflegt.

 

Abschließend ist anzumerken, dass vor 40 Jahren einige der vorstehenden Geschichten noch lebendig waren und dem Verfasser als wahre Begebenheiten erzählt wurden. Man schrieb den Pastoren geheime Kräfte zu. Sie könnten Feuer bannen und Menschen „stehenlassen“, die sich nicht fortbewegen konnten bevor der Bann gelöst wurde. Eine Mischung aus Glaube und Aberglaube beflügelte derartige Geschichten, die heutzutage unwirklich, wie aus einer weit zurückliegenden, anderen Welt erscheinen. Dabei sind die Geschichten nicht wirklich alt, stammen sie doch aus einer Zeit, als die Großeltern der heutigen Senioren bereits lebten    

  

 

 

Das Foto und der Totenzettel befinden sich in der Sammlung von Herrn Nikolaus Arenth aus Schönecken, der sie freundlicherweise zur Verfügung stellte.



[1] Andere Schreibweisen seines Namens: Arenth, Ahrend

[2] Zum Werdegang von Matthias Arenth hat der Verfasser einen eigenen Beitrag geschrieben („Die vergessene Primiz in Mürlenbach“).