21.11.2017 13:04:03

Pastor von Esch wegen Zauberei verurteilt

Pastor von Esch wegen Zauberei verurteilt

Pfarrer Petrus Hildenbrand aus Mürlenbach wurde im Jahre 1630 hingerichtet

 

von Ernst Becker

 

Entgegen der landläufigen Meinung wurden auch zahlreiche Geistliche Opfer des Hexen – und Zauberwahns. So der aus Mürlenbach stammende Pastor von Esch, Petrus Hildenbrand.  Im Februar 1630 wurde er nach langer Haft und Folter als Zauberer hingerichtet. Seinen Prozess führte der Hexenkommissar Dr. Möden, der über 200 Personen, darunter mehrere Priester, zum Tode verurteilte.

 

Unerklärliche Vorgänge, wie Unwetter oder Viehsterben, wurden als das Werk böser Mächte angesehen. Missernten, Hungersnöte, Seuchen und die Schrecken des 30-jährigen Krieges beflügelten den Aberglauben an Hexen und Zauberer. In dieser furchtbaren Zeit erreichten die Hexenverfolgungen ihren Höhepunkt. Jedermann konnte in den verhängnisvollen Ablauf von Verdächtigungen, Verhören, erzwungenen Geständnissen und der zwangsläufig folgenden Verurteilung und Hinrichtung geraten. Unter der Folter wurden auf die Fragen der Inquisitoren nach weiteren an der Hexerei Beteiligten immer mehr Menschen benannt. Um die unbeschreiblichen Qualen zu beenden, haben die  Beschuldigten schließlich alle Vorwürfe gestanden. Einige haben sich in ihrer Verzweiflung selbst das Leben genommen, obschon Selbsttötung als Todsünde galt, die zu ewiger Verdammnis führt. Schon der Anblick einer Folterkammer und der Folterinstrumente lässt den heutigen Besucher erschauern und nachfühlen, wie unendlich grausam die Angeklagten misshandelt und ihre Schuldbekenntnisse erzwungen wurden..

 

Pfarrer Petrus Hildenbrand verstieß gegen das Zölibat, lebte mit einer Frau zusammen und hatte Kinder mit ihr.  Der Kölner Generalvikar ersuchte den Grafen von Manderscheid-Blankenheim, Herrn Petrus – wie er in den Akten genannt wird - zu entlassen. Denn der Graf hatte das Kollationsrecht (Vorschlagsrecht für Kandidaten zur Besetzung der Pfarrstellen seines Territoriums). Graf Johann Arnold beließ den Pfarrer jedoch im Amt, denn dieser habe seine Konkubine bereits entlassen. Das Verhängnis nahm trotzdem seinen Lauf, Petrus wurde wegen Zauberei angeklagt, verhaftet und eingekerkert. Er war vom 1. September 1629 bis zum 5. Februar 1630 auf der Burg Jünkerath inhaftiert. Die Prozessakten zum Fall Hildenbrand sind verschollen. Nur einige Kostenaufstellungen[1] betreffend seine Haftzeit und Hinrichtung sind erhalten geblieben.

 

Das weltliche Gericht durfte Geistliche weder foltern noch verurteilen. Zuvor musste das kirchliche Verfahren zu seiner Amtsenthebung abgeschlossen sein. Da Esch seinerzeit zum Eifeldekanat des Erzbistums Köln gehörte, war hierfür der Kölner Offizial zuständig. Als dieser die Degradation verfügt hatte, konnte das Gericht nun dessen Befragungen unter Anwendung der Folter fortsetzen. Auf der Burg Jünkerath wurde bevorzugt der „Peinstuhl“ eingesetzt. Unter der grausamen Tortur hat  Herr Petrus mehrmals gestanden und alles widerrufen, sobald er wieder von der Folter frei war. Er schwor bei Gott und allen Heiligen, unschuldig zu sein – um bei der nächsten Folterung „wiederumb bekentlich“ zu werden. Alles wurde säuberlich protokolliert, und Kopien der Protokolle wurden per Boten dem Generalvikar zu Köln überbracht. Das Ergebnis eines derartigen Gerichtsverfahrens war fast zwangsläufig die Verurteilung und Hinrichtung des Angeklagten. Petrus Hildenbrand ist in Gönnersdorf verbrannt worden, wie der Notar Funck vermerkt. Als eine Gnade, die nicht allen Verurteilten gewährt wurde, war er vorher erdrosselt worden.

 

Die Verurteilten mussten die Kosten des Prozesses tragen. Dem Vermögen des hingerichteten Herrn Petrus wurden die gesamten mit seiner Haft und dem Prozeß zusammenhängenden Kosten und Auslagen in Rechnung gestellt - für Richter, Schöffen, Notar, Kost und Trank, Anfertigen der Verhör-Protokolle samt Kopien, Botenlöhne, bis hin zur Kerzenbeleuchtung. Für die 157 Tage seiner Einkerkerung wurden „vor Kost undt Dranck“ je ½  Reichstaler (Rtlr), somit 78 ½ Rtlr angerechnet. Für die „Cölnischen Commißarien“, die „wiederumb mit dreyen Knechten und fünff Pferden“ angekommen waren, schlugen höhere Kosten zu Buche. Für die Commissarien „darunder des Freyhern Standts Personen“ fielen 1 ½ Rtlr und für einen Knecht 1 Rtlr „die Mahlzeith gerechnet“ an. Der Verzehr an Wein war bemerkenswert hoch. Selbst die Kosten für die „zweyen Scharffrichtern“ wurden angelastet. Für seine Strangulation wurden Herrn Petrus 4 Rtlr berechnet. Der Henker war ein gut bezahlter Mann. Zum Vergleich erhielt der Bote Merths, der Prozessunterlagen zum 90 km entfernten Generalvikariat in Köln brachte, lediglich 1 Reichstaler (3 Gulden und 6 Albus). Am Schluss ist  nachgetragen: „Noch ein beht darauff er geschlafen, Gantz verfaulet ... 9 Reichsthaler“. Ein verfaultes Bett in einem eisig kalten Verlies zur Winterzeit – alleine schon die Unterbringung des an Körper und Seele zerschundenen Pfarrers war grauenvoll.

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Die Beträge der Kostenaufstellungen sind in sieben verschiedenen Münzsorten aufgeführt:  Reichstaler, Kopfstück, Königstaler, Albus, Heller, Gulden, Goldgulden. Keine der Münzsorten steht in einem dezimalen Wertzusammenhang mit einer anderen, so musste seinerzeit die Endsumme durch umständliches Umrechnen gebildet werden. 

 

Der Erzbischof von Köln war schon vor dem Ende des Prozesses von der Schuld des Pfarrers Petrus überzeugt, denn bereits im Jahre 1629 beauftragte er einen Jesuiten, Personen, die der unwürdige Pastor getauft hatte, noch einmal bedingungsweise zu taufen.

 

Von dem 1604 verstorbenen Grafen Hermann von Manderscheid-Blankenheim war örtlichen Amtsträgern und Pfarrern für den Bereich seiner Grafschaft anbefohlen worden, über zauberische Vorfälle zu berichten. Als damaliger Pfarrer von Alendorf kam Petrus Hildenbrand diesem Auftrag in zwei aktenkundigen Fällen[2] nach. Am 14. Juli 1610 berichtet er an den Grafen Arnold betreffend die dem Thonis Scheffer zu Waldorf auf unerklärliche Weise binnen kurzer Zeit verendeten sechs Ferkel. „Wolgeborner Grave, gnediger Herr, was E.G. gnedigst anbefohlen zu erkundigen, wie es mit den sechs ferckeln zu Waltorff (Waldorf) zugangen, fuigen ich E.G. gehorsam zu wißen...“. Am 28. August 1613  folgte ein weiterer Bericht an den Grafen betreffs der an der Schultheißen Peters Tochter verübten Zauberei. Ob der unglückliche Pastor an Hexen und Zaubererei glaubte, als er selber noch nicht betroffen war?

 

Ein Jahr nach der Hinrichtung von Herrn Petrus erschien (1631) die – anonym herausgegebene - Schrift „Cautio Criminalis“ des deutschen Jesuiten Friedrich von Spee, welche die Hexenverfolgungen scharf kritisierte und zu einem Umdenken beitrug.

 

Petrus Hildenbrand hatte einen Schrank für Messgewänder für die Sakristei seiner Kirche zu Esch anfertigen lassen. Dessen Verbleib war unbekannt. Die Freude des Verfassers war groß, als er diesen wunderschönen, handgefertigten Eichenschrank im Heimatmuseum zu Mayen ausfindig machte. Dorthin war er 1923 - stolze 300 Jahre alt – verbracht worden. Folgende Inschrift belegt die Anschaffung durch den unglücklichen Pastor:

PETRUS HILDENBRAND DE MURRELBACH ME FIERI FECIT 1623

(Petrus Hildenbrand aus Mürlenbach ließ mich anfertigen 1623).

 

Der fromme Hilger Hildenbrand folgte seinem Bruder Petrus als Pfarrer von Esch. In ihrem Heimatort Mürlenbach war die Existenz der beiden Priester vergessen. In Esch und Umgebung ist der Fall des hingerichteten Pastors Petrus Hildenbrand dagegen in leicht unterschiedlichen Legenden überliefert und bis heute sehr lebendig.

           

           

 

  

Ausschnitt des Berichtes an den Grafen vom 14. Juli 1610, mit der Unterschrift des Petrus Hildenbrand.

 

 

            Fotos des Eichenschrankes (mit Erlaubnis des Heimatmuseums Mayen)

 

 


 


[1]  LHAK 29 A, 493

[2]  LHAK 29 A, 490